Cholesterin und Co e.V.

Patientenorganisation für Patienten mit Familiärer Hypercholesterinämie oder anderen schweren genetischen Fettstoffwechselstörungen

Morbus Refsum

Beitrag von Prof. Dr. med. R. Klingel und Dr. A. Heibges

Bei Morbus Refsum handelt es sich um eine Störung im Bereich des Fettmetabolismus. Mit diesem Beitrag möchten wir zusätzliche Informationen zu dieser seltenen Erkrankung Betroffenen zugänglich zu machen.

Was ist Morbus Refsum?

Morbus Refsum oder auch Refsum-Erkrankung ist eine sehr seltene, genetisch bedingte Erkrankung, von der in Deutschland nur schätzungsweise 100 Menschen betroffen sind (1 /1 Mio.). Die Erkrankung ist weltweit verbreitet mit den meisten beschriebenen Fällen in Großbritannien und Norwegen. Bei der Stoffwechselerkrankung häuft sich Phytansäure in zahlreichen, vor allem in fettreichen Körpergeweben an, da sie durch den erblich gestörten Lipidstoffwechsel viel langsamer abgebaut wird. Ein zu hoher Gehalt an Phytansäure führt in der Folge zu fortschreitenden, teils schweren Schädigungen der Sinnesorgane, der Nerven und der inneren Organe.

Was ist Phytansäure?

Phytansäure ist eine gesättigte Fettsäure, die ausschließlich über die Nahrung aufgenommen und nicht vom Körper selbst gebildet wird. Als Abbauprodukt des grünen Pflanzenfarbstoffs Chlorophyll ist sie vor allem in Produkten pflanzenfressender Tiere wie Fleisch, Milchprodukten, aber auch in fetthaltigem Fisch und Meeresfrüchten enthalten. Mit der normalen Ernährung werden pro Tag 50 – 100 mg Phytansäure aufgenommen. Der durchschnittliche Wert im Blutplasma liegt bei 1 – 2 mg/l und ist bei Morbus Refsum um das Zehn- bis Hundertfache erhöht. Im Blutplasma ist Phytansäure zu einem großen Teil an Fett-Eiweißpartikel, die Lipoproteine, gebunden. In fettreichen Körpergeweben, Myelinscheiden der Nervenzellen und inneren Organen bilden sich Phytansäureablagerungen.

Welche Symptome treten bei Morbus Refsum auf?

Die meisten Symptome sind ophthalmologischer oder neurologischer Art, weshalb Augenärzte oder Neurologen in der Regel die ersten Ansprechpartner sind, ohne dass die Grunderkrankung wegen ihrer Seltenheit immer auf Anhieb diagnostiziert wird. Es treten Veränderungen der Netzhaut (Retinitis pigmentosa) mit Nachtblindheit und fortschreitenden Gesichtsfeldeinschränkungen, eine sich entwickelnde Taubheit, Geruchs- und Geschmacksstörungen (Anosmie), motorische und sensible Störungen in den Extremitäten (periphere Polyneuropathie) sowie Störungen der Bewegungskoordination (zerebelläre Ataxie) auf. Weitere Symptome sind unter anderem schuppige Hautveränderungen (Ichthyose), Veränderungen des Skeletts der Extremitäten, insbesondere der Finger und Zehen (epiphysäre Dysplasie) sowie Herzrhythmusstörungen.

Wie ist der zeitliche Verlauf der Erkrankung?

Die Deformierungen der Finger und Zehen können ab der Geburt sichtbar sein und treten bei etwa 60% der Betroffenen auf. Meist sind die Veränderungen der Netzhaut in den ersten beiden Lebensdekaden das erste Symptom des Morbus Refsum. Da die Erkrankung in diesem Stadium leicht mit einer reinen Retinitis pigmentosa verwechselt werden kann, ist eine entsprechende Differentialdiagnostik wichtig. Der zeitliche Verlauf kann individuell jedoch sehr stark variieren. Manche Betroffenen entwickeln erst ab dem 50. Lebensjahr Symptome.

Wie wird die Erkrankung diagnostiziert?

Bei Auftreten Morbus Refsum-typischer Symptome sollte vom Arzt die Bestimmung der Phytansäurekonzentration im Blutplasma veranlasst werden. Insbesondere bei der Diagnose einer Retinitis pigmentosa sollte zum Ausschluss eines Morbus Refsum immer auch an die Bestimmung des Phytansäurespiegels gedacht werden.

Welche Therapien sind möglich?

Eine ursächliche Therapie des Morbus Refsum, beispielsweise durch Medikamente, steht derzeit nicht zur Verfügung.
Eine Phytansäure-arme Diät ist zunächst die wichtigste therapeutische Maßnahme. Ziel ist es, die tägliche Aufnahme an Phytansäure mit der Nahrung unter 10 mg pro Tag zu halten. Gleichzeitig muss eine ausreichende Vitamin- und Kalorienzufuhr erfolgen, um die unkontrollierte Freisetzung von Phytansäure aus Ablagerungen im Körper und damit eine akute Verschlechterung des Krankheitsbildes zu verhindern.
Wenn die Diät nicht ausreicht, um den Phytansäurespiegel zu senken, akute Krankheitsschübe zu beherrschen und das Fortschreiten der Erkrankung zu verhindern, kann mithilfe einer speziellen Form der Blutwäsche, der Doppelfiltrations-Plasmapherese (DFPP), die Phytansäure effektiv aus dem Blut entfernt werden. Dabei macht man es sich zu Nutze, dass die Phytansäure im Blutplasma an die relativ großen Lipoproteine gebunden ist und mit diesen zusammen aus dem Blut entfernt werden kann. Die Behandlung erfolgt meist ambulant und dauert etwa zwei Stunden. Bei regelmäßiger Durchführung der DFPP im wöchentlichen oder vierzehntägigen Abstand kann der Phytansäurespiegel dauerhaft gesenkt werden. Dadurch kann ein Fortschreiten der Erkrankung verlangsamt oder sogar verhindert werden.

Ambulante Durchführung der Blutwäsche (Doppelfiltrations-Plasmapherese, DFPP) in der Praxis. Der Zugang zum Blutkreislauf des Patienten erfolgt meist über die Venen in der Ellenbeuge.

Weiterführende Informationen

Bei Fragen zum Thema Doppelfiltrations-Plasmapherese (DFPP) bei Morbus Refsum hilft Ihnen das Apherese ForschungsInstitut gerne weiter. Weitere Informationen zur Refsum-Erkrankung finden Sie auch auf den folgenden Webseiten:

  • Global DARE Foundation – Defeat Adult Refsum Everywhere, internationale Stiftung zur Bekanntmachung der Refsum-Erkrankung bei Ärzten, Forschern und der Öffentlichkeit
  • PRO RETINA Deutschland e.V. – Selbsthilfevereinigung für Menschen mit Netzhautdegenerationen
  • Retina International – Retinal Degeneration as Part of a Syndrome, Retina International fördert die Forschung und den universellen Zugang zu Diagnose, Behandlung und Pflege für Menschen mit degenerativen Netzhauterkrankungen